Komisch, eine meiner letzten Stories hieß „Dr. Watson trifft Dr. House“. Damit war gemeint, dass der Marburger Dr. House, eben jener Professor Jürgen Schäfer vom Zentrum für Seltene und Unerkannte Krankheiten (ZUSE) nun das moderne Watson-Computersystem von IBM nutzen will, um besser und schneller seine Diagnosen zu treffen. Das war für mich schon ein kleines Highlight.

Clowndoktor und Kabarettist Hirschhausen (Bild: EvH)
Clowndoktor und Kabarettist Hirschhausen (Bild: EvH)

Nun setzt Jürgen Schäfer noch einen drauf. Für sein Dr. House-Seminar hat er den Dr. Eckhard von Hirschhausen eingeladen. Da ging die Post ab. Ich will mich aber auf drei Eindrücke beschränken.

Erster Eindruck: Ich sitze in der Cafeteria der Lahnberge. Neben mir drei Medizinstudentinnen. Die eine „Ich bin dafür wirklich nicht geschaffen“. Die andere: „Du schaffst das“, die erste wieder: „10 Stunden lernen, dann schlafen, dann wieder 10 Stunden lernen, und so weiter und so fort. Das ist nichts für mich.“

Zweitens: Am Abend dann Hirschhausen in seiner Vorlesung an die rund 1200 Studierenden der Medizin und Psychologie: „Ihr werdet alle gebraucht.“
Hirschhausen könnte im zweiten Leben Motivationstrainer sein. Das Seminar im Audimax machte er für Umme, also kostenlos. Nach anderthalb Stunden ging er schlicht über die Biegenstraße in die Stadthalle und hielt seine kostenpflichtige und längst ausverkaufte Show Wunderheiler. Chapeau.

Hier ein paar Zitate, die ich mir aufgeschrieben hatte:

Er fragte die Studierenden: „Was sind Eure Vorbilder?“ also, wieso studiert ihr überhaupt Medizin. Sodann, konnte und sollte sich einjeder und einejede mit dem Sitznachbarn über seine Motivation unterhalten.
„Schreibt Euch auf, worin ihr den Sinn eures Medizinstudiums seht – für die kargen Zeiten“.

Wichtig sind die Freundschaften, die zählen. Mit anderen Lachen -- Weinen -- Schweigen. Im Kalender ganz fett rot markieren.

Die Zukunft der Medizin ist weiblich, teamorientiert und kommunikativ.

Und dann noch seine Kritik am Medizinbetrieb. Vor Medizindekan Helmut Schäfer, etlichen Chefärzten und Honoratioren.

Etwa: Die Kunst der Medizin besteht darin, so viel zu unterlassen, wie es geht.

Oder den Satz: Ein Krankenhaus ist oft kein guter Ort für kranke Menschen. (Sic!) Sagt der Hirschhausen, der genau weiß, wo er spricht, nämlich am Standort des einzigen, umstrittenen privatisierten Universitätsklinikums Deutschlands.

Ferner noch: Fehler zugeben, nicht vertuschen, und etwas daraus lernen.

Ja, jeder konnte sich Nachdenkliches, Lustiges, Entspannendes da mitnehmen. Besser kann eine Vorlesung und eine Performance nicht sein.

Dritter und letzter Gedanke. Tags darauf, ich sitze im Foyer der Uniklinik, Eingang West, Kinderklink. Eigentlich lacht da keiner. Jeder zieht eine eher besorgte, ängstliche, bestenfalls neutrale Mine. Doch dann ziehen die zwei Klinikclowns vorbei. Lachen schallt und hallt durch die Gänge. Das steckt an. Die Gesichtszüge von allen entspannen sich, Erwachsene lachen, Kinder sowieso, und eine heitere, frische Atmosphäre wabert durch das Klinikum.

Wir sollten alle mehr lachen.

Chemiker Ralf Tonner erhält für wegweisende theoretische Arbeiten Wissenschaftspreis

Marburg. Ralf Tonner mag’s gern sportlich. Fast jeden Tag kämpft sich der Chemiker von östlicher Seite aus dem Ebsdorfergrund die Lahnberge hinan. Belohnt wird er dort mit dem vielleicht schönsten Ausblick: Der 38-jährige Nachwuchsforscher arbeitet in einem schmalen, sehr lichten Büro im 2. Stock des neuen Chemiegebäudes. Mit Blick nach Süden auf ein Birkenwäldchen.

Der theoretische Chemiker Ralf Tonner. (Bild: m_)
Der theoretische Chemiker Ralf Tonner. (Bild: m_)

Am Schreibtisch geht der Forscherkampf allerdings gleich weiter. Tonner hat den Berufswunsch Professor für Theoretische Chemie. Nicht jeder schafft das Ringen um die wenigen Plätze in Deutschland. Internationales käme für den Forscher zwar auch infrage. Doch haben er, seine Frau und die drei Kinder (2, 11, 13) vorerst in Deutschland und Marburg ihre Heimat gefunden.

Klein und fein

Jetzt ist der begeisterte Trekking- und Rennradfahrer seinem Karriereziel einen entscheidenden Schritt näher gekommen. Die Habilitation vor kurzem abgeschlossen erhielt Tonner den kleinen, aber sehr feinen Hans G. A. Hellmann-Preis für Theoretische Chemie. Klein, da das Preisgeld von rund 1000 Euro überschaubar ist. Fein allerdings, da drei Fachgesellschaften den Preis nur einmal im Jahr an ausgezeichnete Forscher im Fachgebiet vergeben: Die Deutsche Bunsen-Gesellschaft für Physikalische Chemie, die Deutsche Physikalische Gesellschaft und die Gesellschaft Deutscher Chemiker. Da kommt das zusammen, was Tonner auszeichnet: Er arbeitet Disziplin-übergreifend in Chemie und Physik und zeigt, wie die Theoretische Chemie dazwischen Brücken baut.

Wer sich beispielsweise mit Festkörpern und deren Verhalten an Grenzflächen oder mit andockenden Molekülen befasst, etwa rund zwei Dutzend Professoren und Professorinnen im Marburger Sonderforschungsbereich 1083 “Innere Grenzflächen” und im Graduiertenkolleg 1782 “Funktionalisierung von Halbleitern”, der kommt an Tonner nicht vorbei. Der Chemiker modelliert, was das Zeug hält, und sucht in Zusammenarbeit mit den Experimentatoren nach Erklärungsansätzen und neuen Wegen. In einem Experiment ging es ums Abscheiden von Molekülen auf Oberflächen – einer Disziplin, in der die Marburger Materialwissenschaftler auf den Lahnbergen öffentlich kaum bekannt, aber in der Fachwelt maßgeblich sind, – “die Moleküle schlugen genau den Zerfallsweg auf der Oberfläche ein, den wir voraus gesagt hatten”, freut sich Tonner noch heute.

Richtungsweisend

Für seine laut Jury “richtungsweisenden” Leistungen erhielt Tonner den Preis. Was der Chemiker genau macht, lässt sich nicht so einfach beschreiben. Er arbeitet ausschließlich am Computer und berechnet, wie sich Moleküle und Festkörper verhalten, wie sie reagieren und sich verbinden. Die Modelle laufen je nach Grad der Kompexität auf dem gruppeneigenen PC-Cluster, einem Marburger Rechencluster, dem Hochleistungsrechenzentrum in Frankfurt oder dem Höchstleistungsrechenzentrum in Stuttgart. Ganz wichtig ist Tonner das grundlegende Verständnis des Verhaltens der Elektronen in chemischen Verbindungen. Sie entscheiden beispielsweise über die Leitfähigkeit von Materialien. In neuen Konzepten für elektrische Schaltkreise und Anwendungen, etwa der Mikroelektronik, sieht Tonner die – wenngleich nur in Kooperationen realisierbare – Anwendung der Forschung seiner 4-köpfigen Arbeitsgruppe.

Der frische Wind auf den Lahnbergen tut den Forschern gut. Tonner et al haben dieses Jahr über 16 Publikationen in Fachjournalen veröffentlicht. Weitere drei sind eingereicht. Diese Publikationen sind die Währung im Forscherleben. Tonner ist in der Nähe von Trier aufgewachsen und schon fürs Diplomstudium nach Marburg gekommen, wo er auch promoviert hat. Nach einem 2-jährigen Aufenthalt als Postdoc im neuseeländischen Auckland (“Das einzige was mir jetzt in Marburg fehlt, ist das Meer”) startete der Chemiker in Marburg durch.

Mehr sinnvolle Infrastruktur auf den Lahnbergen

Das Preisgeld ging zu einem Drittel für die Preis-Feierlichkeiten in Familienkreis und Arbeitsgruppe drauf. Ein weiteres Drittel steckte Tonner in sein Rennrad-Hobby, das er jetzt wieder intensivieren will. Eine der vergangenen Konferenzen, in Bochum, erreichten er und zwei Kollegen mit dem Rennrad. “Das letzte Drittel ist noch offen”, sagt Tonner. Der Forscher fühlt sich auf den Lahnbergen wohl, hätte aber gern eine bessere Anbindung des Campus an die Innenstadt. Da er von Rauischholzhausen die Lahnberge erklimmt, kommt er eher selten in die Stadt an der Lahn. Und wenn er einen Wunsch frei hätte? “Auf den Lahnbergen wird an Uni und Klinikum gut und lange gearbeitet. Etwas mehr Infrastruktur wäre sinnvoll. Ein Fitnessstudio, oder ein Supermarkt”, formuliert Tonner seinen Wunsch.

Marburg. Der Baum steht. Die Bombe im Wurzelwerk ist zerstört. Davon überzeugen sich Gerhard Gossens und seine Helfer vom Kampfmittelräumdienst mithilfe zweier Spaten.

Feuerwerker sprengen Fliegerbombe im Marburger Wald. (Bild: m_)

(Bild: Gerhard Gossens vor dem Bombenloch nach der Sprengung. Das rote Kreuz bezeichnet den Baum, dessen Wurzeln die Bombe festhielten.)

Die Sprengung einer Fliegerbombe aus dem zweiten Weltkrieg war erforderlich geworden, weil das 75cm lange Projektil mit dem Zünder nach unten im Waldboden steckte. "Da kamen wir nicht ran", sagt der Leiter des Kampfmittelräumdienstes Gerhard Gossens vom Regierungspräsidium Darmstadt.

Die Spezialisten befestigten an der 50-Kilo-Bombe (mit geschätztem Sprengstoffgehalt von 25 Kilogramm) rund 750 Gramm eines militärischen Spezialsprengstoffs. Damit Splitterteile nicht umher fliegen, wurde die Stelle mit einem 20.000 Liter Wasser fassenden Dämmkissen überdeckt.

Um die Fundstelle im Wald hatten die Behörden zunächst einen Sicherheitbereich mit Radius von 500 Metern gezogen. Darin wohnende Menschen wurden für die Zeit von 08 bis 12 Uhr evakuiert. Die Polizei, die sämtliche Häuser kontrollierte, musste aber kaum nachhelfen. Die Bewohner waren an der Arbeit oder in der Schule und nahmens ansonsten gelassen.

"Das größte Risiko wären Schaulustige", sagt der Marburger Oberbürgermeister Thomas Spies. Doch dem hatten Polizei und Behörden durch Absperrungen vorgebeugt.

Die Sprengung um 11:09 Uhr war denn auch wenig spektakulär. Ein dumpfes "Bumm" war nur in der Nähe zu hören. Von außen war die Sprengung im Wald auch nicht zu sehen.

Nach Angaben von Gossens beseitig der Kampfmittelräumdienst pro Jahr rund 40 bis 60 Weltkriegsbomben in Hessen. In Marburg hatten die allierten Bomber den Hauptbahnhof und die Schienenverbindung im Visier. Mit weiteren Funden sei auch in Zukunft zu rechnen, berichten die Behörden.

Marburg. In der ersten Juniwoche trafen sich Physiker und Chemiker an der Uni Marburg. Ihr Tagungsthema: Welche Prozesse laufen da eigentlich an den Grenzflächen verschiedener Materialien ab. Die Ergebnisse sind interessant für moderne Bauelemente: Sensoren, Displays, Mikrochips. Ich sprach mit Tagungsleiter Ulrich Höfer.

Laserphysiker Ulrich Höfer (Bild: Uni Marburg)

4 Tage Konferenz, 120 Physiker auf einem Fleck. Herr Höfer, was kommt dabei heraus?
Zunächst interessante Diskussionen. Die Resultate sind da oft verblüffend und nicht vorhersehbar. Kollegen aus Berkeley in Kalifornien und New York interessieren sich für unsere Messtechnik mit dem Laser. Jetzt planen wir gemeinsame Projekte mit der Columbia Universität in New York. Immerhin eine der Top-Unis der USA.

New York — das verspricht ja interessante Dienstreisen für die Marburger Physiker?
Die Wissenschaft steht immer im Mittelpunkt (lacht). Eine Forschungsreise sieht ja vielfach so aus, dass man morgens mit dem Flieger ankommt, die Konferenz besucht und am übernächsten Tag wieder abfliegt.

Also kein Musical am Broadway?
Das steht noch nicht zur Debatte. Für mich ohnehin lieber die MET.

Was bringt das Ganze?
Wir sind für die Weiterentwicklung unseres Sonderforschungsbereichs ein gutes Stück voran gekommen. Die US-Kollegen wollen mitmachen. Das verspricht spannende Physik und beste Chance für die Zukunft.

Spielt der Ort einer Konferenz eine Rolle?
Natürlich bieten die historischen Orte wie die Alte Aula und das Schloss in Marburg eine besondere Anregung, um ins Gespräch und auf neue Ideen zu kommen. Unsere Gäste waren jedenfalls begeistert und werden gerne wiederkommen.

Marburg. Das Gefährliche am Mikroplastik sieht man nicht, auch wenn Daphne Tokas mit Kaffeefilter die Minikügelchen aus Peeling und Shampoo heraus fischt: Die Kügelchen gelangen übers Abwasser in Vorfluter und Flüsse (Kläranlagen halten sie nicht zurück) und dann in die Meere. Dort sinken sie auf den Grund. Giftstoffe lagern sich an den Kügelchen an. Plankton nehmen die Stoffe auf. Sie gelangen in die Nahrungskette zurück. Mikroplastik findet man nunmehr überall in der Natur. Laut Greenpeace-Aktivistin Daphne Tokas hat der Verbraucher das in der Hand: Seine Kaufentscheidung beeinflusst den Lauf der Dinge. In der Zutatenliste etwa von Kosmetika stehen die Plastikbestandteile drauf: AC, ACS, EVA, Nylon-6, Nylon-12, P-7, PE, PET, PP, PUR gilt es zu meiden. Doch der Verbraucher ist nicht allein schuld. Auch die Industrie trägt dazu bei, mit immer neuen Kunststoffideen Produkte dem Verbraucher anzudienen und in die Umwelt zu entlassen.

Marburger Blindenstudienanstalt Blista feiert Hundertjähriges

Marburg. In Marburg leben geschätzte 1.400 Blinde. Sie bereichern die Stadt. Sie treten selbstbewusst auf. Das ist ein Verdienst der Blista, der Deutschen Blindenstudienanstalt, die in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiert.

Man muss das so ganz krass sagen: Vor 100 Jahren standen Blinde und stark Sehbehinderte am Rande des Gesellschaft. „Bis zum ersten Weltkrieg waren Blinde arme Schweine“, sagt der streitbare Heinz Will Bach. Er ist 2. Vorsitzender des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS). Blinde wurden kaserniert und von der Umgebung abgeschottet. Eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben war kaum möglich.

Als im Weltkrieg viele Menschen, darunter auch viele Akademiker, ihr Augenlicht verloren, ließen diese sich die Marginalisierung nicht mehr gefallen. Sie gründeten im Frühjahr 1916 die Vorläuferorganisation des DVBS und im Herbst 1916 die Blista.

Blista-Direktor Claus Duncker (Bild: m_)
(Bild: Blista-Direktor Claus Duncker.)

Seither hat sich viel getan. Blinde sind inmitten der Gesellschaft angekommen. Ein Meilenstein war sicherlich der Import des Blinden-Langstocks (in den 1970er Jahren aus den USA nach Marburg), mit dem sich Sehbehinderte nicht mehr stochernd, sondern souverän und sicher ihre Umgebung und Laufrichtung ertasten können.

Die Blista umfasst vier Bereiche. Im Gymnasium können Blinde und Sehbehinderte bis zum Abitur gelangen. Einmalig für Deutschland. Die rund 270 Schülerinnen und Schüler wohnen teils im Internat auf dem Blista-Campus, teils in Wohngruppen in der Stadt. Weitere Bereiche sind berufliche Ausbildungsgänge, Reha-Einrichtungen für Jung und Alt, sowie die Bibliothek und Hörbücherei.

Mit einem Expertenforum „Zukunft der Arbeit“ versuchte die Blista in diesen Tagen eine Positionsbestimmung. Hauptschwerpunkt ihrer Arbeit und auch Überzeugungsarbeit ist die Inklusion der Blinden in der Arbeitswelt. Da arbeiten die rund 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an gleich zwei Fronten: Sie müssen die körperlich eingeschränkten Sehbehinderten fürs Berufsleben motivieren und auch Berührungshemmungen bei potenziellen Arbeitgebern auflösen.

„Barrieren entstehen im Kopf. Inklusion entsteht in der Begegnung“, sagt Christian Mittermüller vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration. Sein Ministerium fördert die Inklusionsprojekte mit 600.000 Euro. Mittermüller kann nur dafür werben, dass Behinderte am Arbeitsplatz nicht nur Hilfsempfänger sind, sondern durch ihre sozialen Kompetenzen, ihr spezifisches Know-how auch etwas geben können. „Aus Vielfalt entsteht Kreativität. Und das ist der Motor für Neues.“

Diese Erfahrung machte beispielsweise auch Reinhard Wagner vom Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport. Erst ein Sehbehinderter als Praktikant in der IT-Abteilung öffnete den dortigen Mitarbeitern die Augen für die spezifischen Bedürfnisse von Behinderten. Wagner ist auch Vorstand im Unternehmensforum Rhein-Main. Seit dem Jahr 2014 gibt es dort das Projekt Inklusion, in dessen Rahmen schon 40 Ausbildungsplätze an Behinderte vergeben wurden.

„Bislang wird Inklusion immer nur für die Schule diskutiert“, stellt Blista-Direktor Claus Duncker fest. Doch für Sehbehinderte fängt danach der Härtetest erst an. „Nach der Schule haben die Leute noch 50 Berufsjahre vor sich“, sagt Duncker. Von rund 36.000 Blinden im erwerbsfähigen Alter haben nur 30 Prozent eine feste Stelle im ersten Arbeitsmarkt. „Wir stehen vor großen Herausforderungen“, sagt Duncker.

Die Blista versucht daher beispielsweise mit dem Projekt „Inklusion und Innovation“ die Blinden und Sehbehinderten auf den ersten Arbeitsmarkt vorzubereiten. „Wir beraten die Menschen und planen Integration und Jobsuche“, sagt Projektleiterin Ute Mölter. Das Auftreten bei einer Bewerbung wird genauso geübt wie die sozialen Kompetenzen. „Die Teilnehmer sollen Experten in eigener Sache werden, nämlich ihrer Sehbehinderung“, sagt Mölter.

Entsprechend selbstbewusst treten die Blinden und Sehbehinderten auf. Mit der Wirtschaftsförderung Kompass aus Frankfurt entwickelt die Blista Konzepte, wie Blinde eigene Unternehmen gründen können. Andere Projekte widmen sich dem Übergang von der Schule in den Beruf, etwa durch eine duale Ausbildung. „Das garantiert die maximale Übernahmechance“, erläutert Susanne Patze vom Frankfurter Projektpartner Fokus-Arbeit.

Hans-Peter Klös vom Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (Bild: m_)
(Bild: Hans-Peter Klös über die Digitalisierung.)

Große Herausforderung auch für Blinde ist die Digitalisierung. Sie ist Segen und Fluch zugleich, sagte Blista-Direktor Duncker. Einerseits erleichtere sie die Informationsbeschaffung über das Internet. Andererseits sind viele Programme, Web-Seiten und Softwaretools nicht barrierefrei.

Doch gerade der Bedarf an IT-Fertigkeiten steigt. Denn auf dem Arbeitsmarkt wird die Digitalisierung zu mehr Jobs führen, sagt Hans-Peter Klös vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln auf der Tagung. Der Volkswirt meint, dass viele Innovationen in der Digitalwirtschaft, etwa rund ums Smart Home, die Autonomie von Behinderten in ihrer Umgebung erhöhen können. Gleichzeitig brauchen Behinderte aber auch die digitalen Skills für die moderne Arbeitswelt.

Das hat auch die Blista erkannt. Sie bildet nun auch IT-Fachkräfte aus. Die ersten 30 Auszubildende starten dieses Jahr. Sie lernen neben der kaufmännischen Seite auch das Programmieren. Über sogenannte Screen-Reader und Blindenschrift-Zeilen ist das kein Problem. Da Arbeitgeber immer häufiger auch Erfahrungen mit der Software SAP fordern, wird auch das jetzt ins Curriculum integriert.

Antonin Brousek überzeugt mit einer Neuübersetzung des braven Soldaten Schwejk

Marburg. Große Weltliteratur zeichne sich dadurch aus, dass die Hauptfiguren auch ein Leben neben den Büchern führen. So kennt einjeder den Don Quichotte oder Odysseus -- auch ohne das Werk gelesen zu haben. Für den braven Soldaten Schwejk gilt das nämliche, meint Antonin Brousek bei einer Buchvorstellung und Lesung im Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg.

Brousek übersetzte das 900-Seiten-Werk kongenial aus dem Tschechischen ins Deutsche. Kongenial muss man da mit einem Augenzwinkern sagen. Schon der Autor Jaroslav Hasek (1883 bis 1923) diktierte das Stück „Die Abenteuer des guten Soldaten Schwejk im Weltkrieg“ bei seinen Wirtshausgängen einem Aufschreiber, während er unmäßig trank und ausgiebig Karten spielte.

Der mit Deutsch und Tschechisch zweisprachig aufgewachsene Brousek machte das ganz ähnlich, wenngleich ohne Wirtshaus, ohne Alkohol und ohne geselliges Kartenspiel. Um den Sprachfluss und die typisch tschechische Sprachmelodie zu erhalten, sprach er die Übersetzung ins Diktiergerät. Und editierte später.

Brousek, der im Brotberuf eigentlich Richter ist, hält sich genau an das Original. So benennt der trunkene Schriftsteller den in Sarajevo ermordeten Franz Ferdinand fälschlich als Onkel des Kaisers. In seiner Übersetzung belässt Brousek dies, erklärt den irritierenden Befund allerdings im Anhang.

Wieso war die neue Übersetzung nötig? Hasek schreibt im Original ein klares Umgangs-Tschechisch. Die erste Übersetzerin Grete Reiner übertrug um 1920 aber in eine heute komisch wirkende böhmisch-deutsche k.u.k-Diktion. Brousek hat das entschlackt und auf ein gut lesbares, sattes Normaldeutsch zurück geführt.

Der „Schwejk“ handelt von der Erlebnissen eines Prager Hundehändlers im Ersten Weltkrieg. Schwejk brilliert durch seine naiven, dann auch klug-gewitzten Einsichten, Ideen und Aktionen. Oft muss der Leser oder Hörer schmunzeln oder lachen -- weswegen Jürgen Warmbrunn vom Herder-Institut das Stück in die Literaturgattung des Schelmenromans einordnet.

Oft werde der Roman als Darstellung vom Irrsinn des Krieges gelesen. Das ist aber nur eine Hintergrundfolie, meint der Übersetzer. Vielmehr ging es Hasek darum, die Dummheit der Menschen in allen möglichen Dingen vorzuführen. Und der Krieg und der Eigensinn alles Militärischen eigne sich dafür besonders.


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