Chemiker Ralf Tonner erhält für wegweisende theoretische Arbeiten Wissenschaftspreis

Marburg. Ralf Tonner mag’s gern sportlich. Fast jeden Tag kämpft sich der Chemiker von östlicher Seite aus dem Ebsdorfergrund die Lahnberge hinan. Belohnt wird er dort mit dem vielleicht schönsten Ausblick: Der 38-jährige Nachwuchsforscher arbeitet in einem schmalen, sehr lichten Büro im 2. Stock des neuen Chemiegebäudes. Mit Blick nach Süden auf ein Birkenwäldchen.

Der theoretische Chemiker Ralf Tonner. (Bild: m_)
Der theoretische Chemiker Ralf Tonner. (Bild: m_)

Am Schreibtisch geht der Forscherkampf allerdings gleich weiter. Tonner hat den Berufswunsch Professor für Theoretische Chemie. Nicht jeder schafft das Ringen um die wenigen Plätze in Deutschland. Internationales käme für den Forscher zwar auch infrage. Doch haben er, seine Frau und die drei Kinder (2, 11, 13) vorerst in Deutschland und Marburg ihre Heimat gefunden.

Klein und fein

Jetzt ist der begeisterte Trekking- und Rennradfahrer seinem Karriereziel einen entscheidenden Schritt näher gekommen. Die Habilitation vor kurzem abgeschlossen erhielt Tonner den kleinen, aber sehr feinen Hans G. A. Hellmann-Preis für Theoretische Chemie. Klein, da das Preisgeld von rund 1000 Euro überschaubar ist. Fein allerdings, da drei Fachgesellschaften den Preis nur einmal im Jahr an ausgezeichnete Forscher im Fachgebiet vergeben: Die Deutsche Bunsen-Gesellschaft für Physikalische Chemie, die Deutsche Physikalische Gesellschaft und die Gesellschaft Deutscher Chemiker. Da kommt das zusammen, was Tonner auszeichnet: Er arbeitet Disziplin-übergreifend in Chemie und Physik und zeigt, wie die Theoretische Chemie dazwischen Brücken baut.

Wer sich beispielsweise mit Festkörpern und deren Verhalten an Grenzflächen oder mit andockenden Molekülen befasst, etwa rund zwei Dutzend Professoren und Professorinnen im Marburger Sonderforschungsbereich 1083 “Innere Grenzflächen” und im Graduiertenkolleg 1782 “Funktionalisierung von Halbleitern”, der kommt an Tonner nicht vorbei. Der Chemiker modelliert, was das Zeug hält, und sucht in Zusammenarbeit mit den Experimentatoren nach Erklärungsansätzen und neuen Wegen. In einem Experiment ging es ums Abscheiden von Molekülen auf Oberflächen – einer Disziplin, in der die Marburger Materialwissenschaftler auf den Lahnbergen öffentlich kaum bekannt, aber in der Fachwelt maßgeblich sind, – “die Moleküle schlugen genau den Zerfallsweg auf der Oberfläche ein, den wir voraus gesagt hatten”, freut sich Tonner noch heute.

Richtungsweisend

Für seine laut Jury “richtungsweisenden” Leistungen erhielt Tonner den Preis. Was der Chemiker genau macht, lässt sich nicht so einfach beschreiben. Er arbeitet ausschließlich am Computer und berechnet, wie sich Moleküle und Festkörper verhalten, wie sie reagieren und sich verbinden. Die Modelle laufen je nach Grad der Kompexität auf dem gruppeneigenen PC-Cluster, einem Marburger Rechencluster, dem Hochleistungsrechenzentrum in Frankfurt oder dem Höchstleistungsrechenzentrum in Stuttgart. Ganz wichtig ist Tonner das grundlegende Verständnis des Verhaltens der Elektronen in chemischen Verbindungen. Sie entscheiden beispielsweise über die Leitfähigkeit von Materialien. In neuen Konzepten für elektrische Schaltkreise und Anwendungen, etwa der Mikroelektronik, sieht Tonner die – wenngleich nur in Kooperationen realisierbare – Anwendung der Forschung seiner 4-köpfigen Arbeitsgruppe.

Der frische Wind auf den Lahnbergen tut den Forschern gut. Tonner et al haben dieses Jahr über 16 Publikationen in Fachjournalen veröffentlicht. Weitere drei sind eingereicht. Diese Publikationen sind die Währung im Forscherleben. Tonner ist in der Nähe von Trier aufgewachsen und schon fürs Diplomstudium nach Marburg gekommen, wo er auch promoviert hat. Nach einem 2-jährigen Aufenthalt als Postdoc im neuseeländischen Auckland (“Das einzige was mir jetzt in Marburg fehlt, ist das Meer”) startete der Chemiker in Marburg durch.

Mehr sinnvolle Infrastruktur auf den Lahnbergen

Das Preisgeld ging zu einem Drittel für die Preis-Feierlichkeiten in Familienkreis und Arbeitsgruppe drauf. Ein weiteres Drittel steckte Tonner in sein Rennrad-Hobby, das er jetzt wieder intensivieren will. Eine der vergangenen Konferenzen, in Bochum, erreichten er und zwei Kollegen mit dem Rennrad. “Das letzte Drittel ist noch offen”, sagt Tonner. Der Forscher fühlt sich auf den Lahnbergen wohl, hätte aber gern eine bessere Anbindung des Campus an die Innenstadt. Da er von Rauischholzhausen die Lahnberge erklimmt, kommt er eher selten in die Stadt an der Lahn. Und wenn er einen Wunsch frei hätte? “Auf den Lahnbergen wird an Uni und Klinikum gut und lange gearbeitet. Etwas mehr Infrastruktur wäre sinnvoll. Ein Fitnessstudio, oder ein Supermarkt”, formuliert Tonner seinen Wunsch.

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