Marburg. Das Gefährliche am Mikroplastik sieht man nicht, auch wenn Daphne Tokas mit Kaffeefilter die Minikügelchen aus Peeling und Shampoo heraus fischt: Die Kügelchen gelangen übers Abwasser in Vorfluter und Flüsse (Kläranlagen halten sie nicht zurück) und dann in die Meere. Dort sinken sie auf den Grund. Giftstoffe lagern sich an den Kügelchen an. Plankton nehmen die Stoffe auf. Sie gelangen in die Nahrungskette zurück. Mikroplastik findet man nunmehr überall in der Natur. Laut Greenpeace-Aktivistin Daphne Tokas hat der Verbraucher das in der Hand: Seine Kaufentscheidung beeinflusst den Lauf der Dinge. In der Zutatenliste etwa von Kosmetika stehen die Plastikbestandteile drauf: AC, ACS, EVA, Nylon-6, Nylon-12, P-7, PE, PET, PP, PUR gilt es zu meiden. Doch der Verbraucher ist nicht allein schuld. Auch die Industrie trägt dazu bei, mit immer neuen Kunststoffideen Produkte dem Verbraucher anzudienen und in die Umwelt zu entlassen.


Die sagenumwobene Enigma gab den Auftakt zu einer Geheimsprachen-Reihe am Mathematikum in Gießen

Gießen. Geheimsprachen faszinieren. Schon Kinder erfinden mit der Löffelsprache spielerisch einen Code, um sich von Erwachsenen mit spitzen Ohren abzugrenzen. Die Kinder verdoppeln den Vokal einer Silbe, etwa „a“ zu „alewa“, und verschlüsseln die Frage „Hast du Zeit?“ zu „Halewast dulewu Zeileweit?” Erwachsene Ohren sind dafür zu träge oder zu ungeübt. Sie verstehen nur einen Einheitsbrei. In Schriftform ist der Code indes sofort geknackt, da das Muster offenbar wird.

In der Geschichte des Verschlüsselns haben denn auch Heerscharen an Mathematikern versucht, Geheimsprachen – also Verschlüsselungssysteme – zu erfinden, die keinerlei Muster aufwiesen. Andere wiederum setzten alles ein, um eben doch solche Muster fürs Codeknacken zu finden. Die einen meinten, das System sei sicher. Die anderen haben es dann doch geknackt. So auch bei der Enigma.

Albrecht Beutelspacher und die Enigma im Mathematikum. (Bild: m_)
(Bild: Albrecht Beutelspacher und die Enigma im Mathematikum.)

Das Mathematikum in Gießen hat jetzt so eine sagenumwobene Verschlüsselungs-Maschine des Zweiten Weltkriegs erworben. Ein Nachbau. 30.000 Euro teuer, 12 Kilogramm schwer. Für besondere Anlässe holt Museumsdirektor Albrecht Beutelspacher das Scheibmaschinen-artige Gerät aus der Vitrine. Dann dürfen unter Aufsicht und Anleitung auch Besucher in die Tasten hauen. Der Auftritt von Joel Greenberg aus den englischen Bletchley Park war so ein Anlass.

Der Mathematiker und Historiker Greenberg erläuterte im Rahmen einer dreiteiligen Enigma-Vortragsreihe die Entstehungsgeschichte der Maschine, ihre Verwendung durch nazideutsche Militärs und Behörden sowie die Entschlüsselung. „Durch das knacken der Enigma ist der 2. Weltkrieg sicher um zwei Jahre verkürzt worden. Das hat ungezählten Menschen das Leben gerettet“, erklärt Greenberg.

Nazideutsche Einheiten verschlüsselten Botschaften, wie etwa Befehle oder Wetterberichte, mit der Enigma in eine Art Buchstabensalat. Der wurde dann über Funk per Morse-Alphabet versandt. Jeder konnte mithören und mitschreiben (ähnlich wie heute im offenen Internet), doch der Buchstabensalat blieb erst mal ungenießbar. Fürs Codeknacken und die Entschlüsselung bauten die Briten ab 1938 einen Landsitz, den Bletchley Park, zu einer Baracken-Kleinstadt mit rund 10.000 Beschäftigten aus. Darunter befanden viele Spezialisten etwa für Mathematik wie Alan Turing und Gordon Welchman oder für Sprachwissenschaften wie Dilly Knox. Die Mathematiker suchten beispielsweise nach Mustern und Lücken im System. Ein Fauxpas in der Konstruktion der Enigma war beispielsweise, dass beim Drücken eines Buchstabens nie der gleiche Buchstabe heraus kam. Die Sprachwissenschaftler versuchten „wahrscheinliche Worte“ zu raten, etwa „Oberkommando“ oder „Wetterbericht“, um das Entschlüsseln zu vereinfachen und abzukürzen.

Albrecht Beutelspacher und Joel Greenberg. (Bild: m_)
(Bild: Albrecht Beutelspacher und Joel Greenberg)

Wenngleich viele Informationen noch unter Verschluss sind, Bletchley Park ist seit dem Jahr 1991 für die Öffentlichkeit zugänglich und als Museum hergerichtet. „Hunderttausende Funksprüche wurde dort im zweiten Weltkrieg entschlüsselt“, erklärt der Historiker Greenberg. In Teilen wurde die elektro-mechanisch arbeitende Enigma nachgebaut und simuliert, ferner setzten die Codeknacker auf eine automatisierte Datenverarbeitung, den Vorläufern moderner Computer. Dauerte es Anfangs etliche Stunden, einen Funkspruch zu dekodieren, brauchten die Briten später nur Minuten.

Stress und Katastrophenstimmung kam immer dann auf, wenn die Deutschen ihre Verschlüsselungssysteme änderten. Dann mussten die Briten unter Umständen das Puzzlestück ganz von vorn beginnen. Dabei half aber, dass man Engimas in aufgebrachten U-Booten samt Anleitungen und Codebüchern fand. Meist machten die Analysten von Bletchley Park, das rund 50 Kilometer nördlich von London liegt, genau dann Fortschritte, wenn den deutschen Bedienern der Enigma ein Bedienungsfehler unterlief.

Und die traten zuhauf auf. Beispiele sind: Ein Fernmelder sendet den Text zweimal. Beim zweiten Eintippen auf der Schreibtastatur entstehen aber unwillkürlich Tippfehler oder -varianten. Anhand der unterschiedlichen Codierung des gleichen Texts können die Analysten besser auf den zugrunde liegenden Schlüssel schließen. Die Engländer nannten so einen Treffer einen „kiss“ (Kuss). Oder: Dieselbe Nachricht wird mit verschiedener Verschlüsselung an mehrere Adressaten versandt.

Häufig provozierten die Engländer solche Konzept- oder Bedienfehler. Das nannten sie dann „Gartenpflege“. Ziel war immer, den für den aktuellen Tag, ab exakt 00:00 Uhr gültigen Tagesschlüssel zu knacken. Dann lagen alle Funksprüche für den Mithörer offen. Da die Deutschen über rund 120 Enigma-Netzwerke verfügten, mussten entsprechend viele Codes geknackt werden.

Militärische Anwendungen stehen hier ganz klar als Geburtshelfer der modernen Datenverarbeitung und Computerei. Und auch sonst hatte Greenberg noch einige Überraschungen parat. Genauso wie heute die sogenannten Meta-Daten helfen, Bewegungsprofile oder Freundeskreise von Personen zu erstellen, konnten auch die Briten im 2. Weltkrieg aus Daten wie „Wer mit wem kommuniziert“ Kommandostrukturen herausarbeiten. Für jede entschlüsselte Person wurde eine Karteikarte angelegt, worauf jegliche Information zu dieser Person gesammelt wurde.

Inzwischen ist die Sammelwut in der digitalen Wirtschaft angekommen. Auch die Onlinedienste wie Amazon, Facebook und Google legen systematisch ihre Kundenprofile an. Und der US-amerikanische Geheimdienst NSA saugt im Internet alles ab, was verwertbar erscheint. Seine Mathematiker scheinen sich aber an aktuellen Verschlüsselungssystemen die Zähne ausgebissen zu haben, sodass der Geheimdienst sogenannte Hintertüren fordert oder Computerkonzerne wie Apple zur Kooperation zwingen will. Am Grundsatz hat sich über einhundert Jahre nichts geändert. Die Geheimdienste setzen alles ein, um den Code der Anderen zu brechen: Spionage, Drohung, viel Personal und extreme Rechenpower.
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In weiteren Enigma-Vorträgen gehen zwei hochkarätige Forscher auf die Kunst des Verschlüsselns ein. Am 15. März referiert Ansgar Heuser über „Von der Magie zur Wissenschaft - Kryptographie in Vergangenheit und Gegenwart”. Heuser war einmal der Chef-Kryptograph des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Spannend wird’s auch am 25. April. Dann stellt sich Jörg Schwenk mit seinem Vortrag “Der Algorithmus AES und wie man ihn knacken kann” der Frage, wie sicher unsere Bankgeschäfte und Kommunikation sind. Die beruhen nämlich auf dem Verschlüsselungsalgorithmus AES. Jörg Schwenk erforschte Sicherheitstechniken bei der Deutschen Telekom und hat jetzt einen Kryptographie-Lehrstuhl an der Ruhr-Universität Bochum. Die Vorträge finden jeweils um 19.30 Uhr im Mathematikum Gießen statt. Eintritt für fünf Euro. Für Schülerinnen, Schüler und Studierende ist der Eintritt dann frei.


Marburger Blindenstudienanstalt Blista feiert Hundertjähriges

Marburg. In Marburg leben geschätzte 1.400 Blinde. Sie bereichern die Stadt. Sie treten selbstbewusst auf. Das ist ein Verdienst der Blista, der Deutschen Blindenstudienanstalt, die in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiert.

Man muss das so ganz krass sagen: Vor 100 Jahren standen Blinde und stark Sehbehinderte am Rande des Gesellschaft. „Bis zum ersten Weltkrieg waren Blinde arme Schweine“, sagt der streitbare Heinz Will Bach. Er ist 2. Vorsitzender des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS). Blinde wurden kaserniert und von der Umgebung abgeschottet. Eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben war kaum möglich.

Als im Weltkrieg viele Menschen, darunter auch viele Akademiker, ihr Augenlicht verloren, ließen diese sich die Marginalisierung nicht mehr gefallen. Sie gründeten im Frühjahr 1916 die Vorläuferorganisation des DVBS und im Herbst 1916 die Blista.

Blista-Direktor Claus Duncker (Bild: m_)
(Bild: Blista-Direktor Claus Duncker.)

Seither hat sich viel getan. Blinde sind inmitten der Gesellschaft angekommen. Ein Meilenstein war sicherlich der Import des Blinden-Langstocks (in den 1970er Jahren aus den USA nach Marburg), mit dem sich Sehbehinderte nicht mehr stochernd, sondern souverän und sicher ihre Umgebung und Laufrichtung ertasten können.

Die Blista umfasst vier Bereiche. Im Gymnasium können Blinde und Sehbehinderte bis zum Abitur gelangen. Einmalig für Deutschland. Die rund 270 Schülerinnen und Schüler wohnen teils im Internat auf dem Blista-Campus, teils in Wohngruppen in der Stadt. Weitere Bereiche sind berufliche Ausbildungsgänge, Reha-Einrichtungen für Jung und Alt, sowie die Bibliothek und Hörbücherei.

Mit einem Expertenforum „Zukunft der Arbeit“ versuchte die Blista in diesen Tagen eine Positionsbestimmung. Hauptschwerpunkt ihrer Arbeit und auch Überzeugungsarbeit ist die Inklusion der Blinden in der Arbeitswelt. Da arbeiten die rund 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an gleich zwei Fronten: Sie müssen die körperlich eingeschränkten Sehbehinderten fürs Berufsleben motivieren und auch Berührungshemmungen bei potenziellen Arbeitgebern auflösen.

„Barrieren entstehen im Kopf. Inklusion entsteht in der Begegnung“, sagt Christian Mittermüller vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration. Sein Ministerium fördert die Inklusionsprojekte mit 600.000 Euro. Mittermüller kann nur dafür werben, dass Behinderte am Arbeitsplatz nicht nur Hilfsempfänger sind, sondern durch ihre sozialen Kompetenzen, ihr spezifisches Know-how auch etwas geben können. „Aus Vielfalt entsteht Kreativität. Und das ist der Motor für Neues.“

Diese Erfahrung machte beispielsweise auch Reinhard Wagner vom Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport. Erst ein Sehbehinderter als Praktikant in der IT-Abteilung öffnete den dortigen Mitarbeitern die Augen für die spezifischen Bedürfnisse von Behinderten. Wagner ist auch Vorstand im Unternehmensforum Rhein-Main. Seit dem Jahr 2014 gibt es dort das Projekt Inklusion, in dessen Rahmen schon 40 Ausbildungsplätze an Behinderte vergeben wurden.

„Bislang wird Inklusion immer nur für die Schule diskutiert“, stellt Blista-Direktor Claus Duncker fest. Doch für Sehbehinderte fängt danach der Härtetest erst an. „Nach der Schule haben die Leute noch 50 Berufsjahre vor sich“, sagt Duncker. Von rund 36.000 Blinden im erwerbsfähigen Alter haben nur 30 Prozent eine feste Stelle im ersten Arbeitsmarkt. „Wir stehen vor großen Herausforderungen“, sagt Duncker.

Die Blista versucht daher beispielsweise mit dem Projekt „Inklusion und Innovation“ die Blinden und Sehbehinderten auf den ersten Arbeitsmarkt vorzubereiten. „Wir beraten die Menschen und planen Integration und Jobsuche“, sagt Projektleiterin Ute Mölter. Das Auftreten bei einer Bewerbung wird genauso geübt wie die sozialen Kompetenzen. „Die Teilnehmer sollen Experten in eigener Sache werden, nämlich ihrer Sehbehinderung“, sagt Mölter.

Entsprechend selbstbewusst treten die Blinden und Sehbehinderten auf. Mit der Wirtschaftsförderung Kompass aus Frankfurt entwickelt die Blista Konzepte, wie Blinde eigene Unternehmen gründen können. Andere Projekte widmen sich dem Übergang von der Schule in den Beruf, etwa durch eine duale Ausbildung. „Das garantiert die maximale Übernahmechance“, erläutert Susanne Patze vom Frankfurter Projektpartner Fokus-Arbeit.

Hans-Peter Klös vom Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (Bild: m_)
(Bild: Hans-Peter Klös über die Digitalisierung.)

Große Herausforderung auch für Blinde ist die Digitalisierung. Sie ist Segen und Fluch zugleich, sagte Blista-Direktor Duncker. Einerseits erleichtere sie die Informationsbeschaffung über das Internet. Andererseits sind viele Programme, Web-Seiten und Softwaretools nicht barrierefrei.

Doch gerade der Bedarf an IT-Fertigkeiten steigt. Denn auf dem Arbeitsmarkt wird die Digitalisierung zu mehr Jobs führen, sagt Hans-Peter Klös vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln auf der Tagung. Der Volkswirt meint, dass viele Innovationen in der Digitalwirtschaft, etwa rund ums Smart Home, die Autonomie von Behinderten in ihrer Umgebung erhöhen können. Gleichzeitig brauchen Behinderte aber auch die digitalen Skills für die moderne Arbeitswelt.

Das hat auch die Blista erkannt. Sie bildet nun auch IT-Fachkräfte aus. Die ersten 30 Auszubildende starten dieses Jahr. Sie lernen neben der kaufmännischen Seite auch das Programmieren. Über sogenannte Screen-Reader und Blindenschrift-Zeilen ist das kein Problem. Da Arbeitgeber immer häufiger auch Erfahrungen mit der Software SAP fordern, wird auch das jetzt ins Curriculum integriert.


Antonin Brousek überzeugt mit einer Neuübersetzung des braven Soldaten Schwejk

Marburg. Große Weltliteratur zeichne sich dadurch aus, dass die Hauptfiguren auch ein Leben neben den Büchern führen. So kennt einjeder den Don Quichotte oder Odysseus -- auch ohne das Werk gelesen zu haben. Für den braven Soldaten Schwejk gilt das nämliche, meint Antonin Brousek bei einer Buchvorstellung und Lesung im Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg.

Brousek übersetzte das 900-Seiten-Werk kongenial aus dem Tschechischen ins Deutsche. Kongenial muss man da mit einem Augenzwinkern sagen. Schon der Autor Jaroslav Hasek (1883 bis 1923) diktierte das Stück „Die Abenteuer des guten Soldaten Schwejk im Weltkrieg“ bei seinen Wirtshausgängen einem Aufschreiber, während er unmäßig trank und ausgiebig Karten spielte.

Der mit Deutsch und Tschechisch zweisprachig aufgewachsene Brousek machte das ganz ähnlich, wenngleich ohne Wirtshaus, ohne Alkohol und ohne geselliges Kartenspiel. Um den Sprachfluss und die typisch tschechische Sprachmelodie zu erhalten, sprach er die Übersetzung ins Diktiergerät. Und editierte später.

Brousek, der im Brotberuf eigentlich Richter ist, hält sich genau an das Original. So benennt der trunkene Schriftsteller den in Sarajevo ermordeten Franz Ferdinand fälschlich als Onkel des Kaisers. In seiner Übersetzung belässt Brousek dies, erklärt den irritierenden Befund allerdings im Anhang.

Wieso war die neue Übersetzung nötig? Hasek schreibt im Original ein klares Umgangs-Tschechisch. Die erste Übersetzerin Grete Reiner übertrug um 1920 aber in eine heute komisch wirkende böhmisch-deutsche k.u.k-Diktion. Brousek hat das entschlackt und auf ein gut lesbares, sattes Normaldeutsch zurück geführt.

Der „Schwejk“ handelt von der Erlebnissen eines Prager Hundehändlers im Ersten Weltkrieg. Schwejk brilliert durch seine naiven, dann auch klug-gewitzten Einsichten, Ideen und Aktionen. Oft muss der Leser oder Hörer schmunzeln oder lachen -- weswegen Jürgen Warmbrunn vom Herder-Institut das Stück in die Literaturgattung des Schelmenromans einordnet.

Oft werde der Roman als Darstellung vom Irrsinn des Krieges gelesen. Das ist aber nur eine Hintergrundfolie, meint der Übersetzer. Vielmehr ging es Hasek darum, die Dummheit der Menschen in allen möglichen Dingen vorzuführen. Und der Krieg und der Eigensinn alles Militärischen eigne sich dafür besonders.


Zuwanderung und Integration helfen, zukünftige Probleme zu lösen, meint der Jurist und Ökonom Hermann Heußner

Marburg. Hermann Heußner ist der Mann der Stunde. Er bürstet die sogenannte Flüchtlingskrise gegen den Strich. Für ihn sind die Flüchtlinge ein Segen. Sogar ein vierfacher. Der Jurist von der Hochschule Osnabrück hat nämlich durchgerechnet, dass die große Zahl an Flüchtlingen, die in diesen Monaten nach Deutschland kommen, gleich vier gravierende Probleme der Deutschen lösen könnte: den demografischen Wandel, den Pflegenotstand, den Fachkräftemangel und das Elend verödender ländlicher Räume. So streitbar Heußner seine Thesen vertritt, so nüchtern hat er diese durchgerechnet. Im Einzelnen mögen die Thesen angreifbar sein, im großen Ganzen schimmert bei ihm ein Masterplan durch, den man von Bundeskanzlerin Angela Merkel noch nicht vernommen hat, und die deswegen jetzt auch ins Lavieren kommt.

Heußner ist als Professor für öffentliches Recht und Recht der sozialen Arbeit vom Fach. Er verbindet Theorie und Praxis. Nicht nur hat er es gewagt, den Rechenschieber dort anzusetzen, wo Hilfe im Flüchtlingselend, Schutz von Asylsuchenden rechtlich und menschlich geboten sind. Er hat auch selbst Flüchtlinge bei sich zuhause aufgenommen, da einer seiner Söhne nach Abschluss der Ausbildung die elterliche Wohnung verlassen hat.

Der Jurist Hermann Heußner (Bild: privat)
(Bild: Der Jurist Hermann Heußner von der Hochschule Osnabrück).

Der demografische Wandel bedeutet, dass die Zahl der älteren Menschen zunimmt, die der jungen wegen des Geburtenrückgangs abnimmt. Da Sozialversicherungen wie die Rente als Generationenvertrag einem Umlageverfahren entsprechen – die aktuell Jungen zahlen die Renten der Alten –, ist es daher kaum möglich, das Rentenniveau von derzeit 47,1 Prozent zu halten. Heute tragen rund 2,4 Arbeiter für die Rente eines Seniors bei. Bis zum Jahr 2035 müssten 1,5 Arbeiter diese Last schultern. Um die Rente zu sichern, müsste rechnerisch entweder der Beitragssatz der Arbeitnehmer von derzeit 18,7 Prozent auf 30 Prozent in die Rentenversicherung steigen, oder das Rentenniveau müsste auf 30 Prozent (bezogen auf das letzte Einkommen) fallen. Beides ist ein Sprengsatz, „eine soziale Katastrophe“, sagt Heußner. Bei einer Einwanderung von 400.000 Menschen pro Jahr über die nächsten 20 Jahre könnte die Rente indes schätzungsweise auf einem Niveau von 40 Prozent und einem Beitragssatz der Einzahler von 20 Prozent gesichert werden, bilanziert Heußner: „Wir brauchen die Zuwanderung.“

Mit der älter werdenden Gesellschaft „wird auch die Pflegebedürftigkeit massiv ansteigen und damit der Bedarf an Pflegekräften“, sagt Heußner weiter. Es sei also Aufgabe der Politik, die Zugewanderten durch Anreize an diese Berufsfelder heran zu führen. Auch das hat der Jurist durchgerechnet. Um einen der deutschen Kultur und Sprache unkundigen Zugewanderten für den Arbeitsmarkt fit zu machen, bedarf es nach Ansicht von Heußner etwa ein Jahr Deutschkurs, drei Jahre Schulausbildung und weitere drei Jahre Berufsausbildung. Kosten: 65.000 Euro. Das scheint viel, ist aber günstiger als ein einheimisches Kind von der Geburt bis zum Beruf, was Eltern und Staat insgesamt 250.000 Euro kostet. Da die eigenen Kinder nicht da sind, sind die Zugewanderten in dieser Hinsicht ein Schnäppchen. Diese riesige Bildungsaufgabe müsse dem Staat und damit den Bürgern jährlich 26 Milliarden Euro wert sein. Dann ließen sich die Lücken füllen. Rund 130 Lehrberufe zählen schon heute zu den sogenannten Mangelberufen mit unbesetzten Lehrstellen. Für das Jahr 2030 fehlen allein in Nordrhein-Westfalen laut Heußner rund 898.000 Fachkräfte.

Bildungs- und Integrationsprogramm dürften aber nicht zu einer Neiddebatte oder neuen Verteilungskämpfen im unteren Lohnsektor führen. Es müsse vermieden werden, dass die Flüchtlinge hierzulande als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt, auf dem Wohnungsmarkt oder in den Sozialsystemen gelten, sagt Heußner, der mit seinem Thesenentwurf einen fulminanten Schlusspunkt bei der Ringvorlesung „Konflikte in Gegenwart und Zukunft“ an der Universität Marburg setzte. Heußner setzt neben die Rechte der Schutzsuchenden denn auch Pflichten, etwa zur Bildung – zum Beispiel durch eine erweiterte Schulpflicht – oder zum Wohnort.

Nun ist zwar bekannt, dass die Flüchtlinge vorwiegend in Städte strömen. Dort gibt es eine intakte Infrastruktur, dort finden sie Landsleute und Verwandte. Doch „außerhalb des Speckgürtels der Großstädte kommt man schnell in menschenleere Landschaften“, berichtet Heußner. Viele Wohnungen und Häuser stehen leer. Arbeitsplätze und Lehrstellen bleiben unbesetzt. Heußner kommt gern auf den Fall von Goslar zu sprechen: In den vergangenen zehn Jahren verlor die Stadt zehn Prozent der Einwohner, bis 2035 vermutlich nochmal 14 Prozent – wenn die Politik nicht gegensteuert. Der CDU-Bürgermeister versucht nun händeringend, Flüchtlinge für seine 50.0000-Einwohner-Stadt zu werben. Es gibt Wohnraum, Arbeitsplätze, Unterstützung. Letztendlich bedarf es einer gemeinsamen Integrationsanstrengung.

Das betont auch Jurist Heußner: „Die Menschen sind jetzt da.“ Es liegt an den Einheimischen und den Zugewanderten, dass die Integration gelingt. Die Lösung der vier Probleme fallen dann wie reife Früchte in die Hand. Die osteuropäischen Länder, die jetzt keine Flüchtlinge aufnehmen, werden uns dann um die Tatkraft beneiden, meint der Jurist.


Komet Tschuri gibt seine Geheimnisse preis – Physikvortrag von Kometenforscher aus Göttingen

Marburg. Es war eine der spannendsten und lustigsten Missionen der letzten Forscherjahre: Wissenschaftler dringen in die Weiten des Weltraums vor, wo noch nie zuvor ein Mensch geschaut hat – und finden eine Quietsche-Ente. So zumindest offenbarte sich der Komet Tschuri den überraschten Astronomen wie Harald Krüger vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung aus Göttingen. Die Badewannen-Ente war nicht nur wissenschaftlich spannend, sondern auch äußerst publikumswirksam. Vor ein paar Tagen stellte Krüger die jüngsten Erkenntnisse vom enten-förmigen Kometen 67P/Churyumov-Gerasimenko, Kosename: Tschuri, einem großen Publikum im Physikgebäude des Renthofs vor.

Harald Krüger vom MPI in Göttingen (Bild: m_)
(Bild: H Krüger vom MPI in Göttingen)

Kometen bestehen aus zusammengeballtem Staub und gefrorenem Eis. Das macht sie tiefschwarz, weshalb manche Forscher sie auch als dreckige Schneebälle bezeichnen. Sie sind bis zu zehn Kilometer groß. Wenn sie auf ihrer schiefen Bahn in die Nähe der Sonne gelangen, verdampft das Material. Es bildet sich der typische, Millionen Kilometer lange Kometenschweif. Mit der Rosetta-Philae-Mission wollte nun die europäische Raumfahrtagentur ESA mit ihren Partnerorganisationen und Forschern wie Krüger den Kometen mit einer Raumsonde Rosetta besuchen, in eine Umlaufbahn einschwenken und die Tochtersonde Philae auf dem Kometen absetzen. Das Landegerät Philae sollte just in der Phase, in der Komet Tschuri sich am sonnennähsten Punkt um die Sonne bewegt auf der Oberfläche hocken und sich umschauen. Das gelang allerdings nur zum Teil.

Nach zehn Jahren Tour und Schwungholen im Sonnensystem traf die Raumsonde Rosetta im August 2014 bei Tschuri ein. Im Bild der Bordkamera sah der Komet zunächst aus wie eine Erbse, dann etwas näher wie eine Erdnuss, dann offenbarte sich die Entenform. Im Durchmesser ist Tschuri in etwa so groß wie Marburg. Die Auswertung der Daten ergab, dass „Kopf“ und „Rumpf“ ursprünglich zwei getrennte Kometen waren, die kollidierten und dann aneinander kleben blieben, berichtet Krüger. Aus den brillanten Bildern und den Messdaten von einem Dutzend Instrumenten der Raumsonde Rosetta konnten die Forscher die Zusammensetzung und Aktivität des Kometen genauer untersuchen. „Der Komet besteht wohl zur Hälfte aus Wasser“, schätzt Krüger. Die Oberfläche ist zunächst bis zu zehn Zentimeter tief mit Staub bedeckt. Dann kommt eine meterdicke Schicht mit festem Gletschereis, schließlich weiteres poröseres Eis.

Die Zusammensetzung deckt sich zumindest mit der Hypothese, dass unsere Erde in der Zeit der Planetenentstehung ihr Wasser von hereinprasselnden Kometen erhalten hat. Auch können die ersten organischen Moleküle, aus denen sich später Leben entfaltete, von Kometen stammen.

Im Schritttempo macht sich der Lander Philae auf den Weg. (Bild: ESA)
(Bild: Durch die Dunkelheit macht sich Philae auf zu Tschuri.)

Leider haben nicht alle Instrumente der Mission funktioniert. Die Landefähre Philae konnte sich beim Absenken auf die Kometenoberfläche im November 2014 nicht festhaken. Sie hüpfte im langsamen Schwebeflug davon und blieb in einer Felsenspalte hängen. Ohne ausreichend Sonnenlicht auf den Solarzellen ging den Instrumenten nach sechzig Stunden der Saft aus. Vergangene Woche haben die Forscher nach vielen Wiederbelebungsversuchen den Lander aufgegeben. Das Mutterschiff Rosetta umkreist unterdessen weiter um den Kometen. Mit 60.000 Bilder ist der Himmelskörper bis in jede Pore komplett kartiert, berichtet Krüger. Komet Tschuri bewegt sich nun von der Sonne weg. Im September wird Rosetta dann ebenfalls auf dem Kometen aufsetzen und so zur ewigen Ruhe gebracht.

Nächstes Projekt wäre, auf einem Kometen zu landen und Material auf die Erde zurück zu bringen. In den Labors könnten die Proben dann genau untersucht werden, sagt Krüger.

Studieren in Mittelhessen

Studierende können in die Astronomie und Astrophysik an den einschlägigen Fachbereichen der Universitäten wie in Göttingen, Heidelberg oder Bonn einsteigen. In der Luft- und Raumfahrttechnik zählt die Universität Stuttgart zu einer guten Adresse. An der Technischen Hochschule Mittelhessen sowie der Universität Gießen basteln Studierende an Ionenstrahl-Triebwerken für Raumsonden. Da Physik das Grundgerüst für Astronomie und Astrophysik stellt, können Bachelorstudierende auch am Fachbereich Physik der Universität Marburg ins Studium einsteigen. Seit März 2015 ist dort Andreas Schrimpf Professor für Astronomiegeschichte und beobachtende Astronomie.


Marburg. "Wonnebald Pück" -- so einen Namen muss man sich erst mal ausdenken. Doch eine der schönsten und wichtigsten Geschichten von Ricarda Huch trägt den Titel "Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück". Eine furiose Satire auf die katholische Kirche, erklärt Hannelore Schmidt-Enzinger, Lehrerin in Marburg. Der faule, aber bauernschlaue Wonnebald wird von seiner Kaufmannsfamilie, die ihm nichts Bürgerliches zutraut, auf die klerikale Laufbahn geschickt. Und dort wird er immer weiter nach oben befördert -- erst zum Abt eines Klosters, dann zum Bischof --, damit er nicht schlimmeres anrichte. Er braucht nämlich viel Geld und manche List, um sich seinen wonnigen Lebenswandel zu finanzieren. Wäre er nicht nach einem Festmahl an Verdauungsproblemen gestorben, so hätte ihn die Kirche wohl bis zum Herrgott befördert. Immerhin wird er vom Papst heilig gesprochen. Mit Blick auf die Umtriebe des Bischofs in Limburg "eine ziemlich aktuelle Geschichte", sagt Schmidt-Enzinger.

So lohnt es sich, Ricarda Huch wieder zu entdecken.

Die Schriftstellerin und Historikerin Ricarda Huch (1864 bis 1947) zählte schließlich um 1900 zu den bekanntesten Persönlichkeiten in Deutschland. Neben Romanen, Erzählungen, Gedichten (diese laut Marcel Reich-Ranicki allerdings von mäßiger Qualität) schrieb sie auch zahlreiche, teils monumentale historische Werke. Mit zwei Bänden über die Romanik belebte sie die Erinnerung und das Wissen um diese Epoche um 1800 wieder. Interessant ist ihr Verständnis von Tradition, von "Was ist deutsch", sowie dem Reichsgedanken. Das ließ sie kritisch auf Bismarck und das Kaiserreich blicken. Von den Nazis distanzierte sie sich schon früh und trat beispielsweise aus der Preußischen Akademie der Künste 1933 aus. Sie wandte sich allerdings nicht aktiv gegen das Regime, sondern zog sich in eine Art innere Emigration zurück. Später plante sie eine Beschreibung und Würdigung der Widerstandskämpfer gegen die Nazi-Diktatur.

Wieso ist Ricarda Huch also vergessen? Es gibt halt auch andere, neuere Schriftsteller, die nachrücken, meinte einmal der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Zudem ist ihr Schreibstil schwer zu lesen: Lange, gravitätische Sätze (auf halbem Weg zu Thomas Mann, aber weniger ästhetisch elaboriert). Manche Worte sind in ihrer Bedeutung heute ungeläufig; doch daran sieht man, wie sich Sprache und Sprachgebrauch über 100 Jahre ändern. Und die Titel der Geschichten reißen einen nicht vom Hocker, etwa "Der Hahn von Quakenbrück".

Auch in anderen Genres hat sich Ricarda Huch versucht: Mit "Der letzte Sommer" hat sie einen raffinierten Kriminalroman vorgelegt -- empfehlenswert. Ihre Städtebilder sind brillante Miniaturen. "Der Dreißigjährige Krieg" monumental.

Wer Ricarda Huch für sich entdecken will, hat nur wenige Möglichkeiten: Der Buchhandel bietet wenig. Manches ist nur antiquarisch erhältlich -- und dann auch noch in Frakturschrift. Am besten bestückt sind noch die Stadtbüchereien und Uni-Bibliotheken.


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