Zuwanderung und Integration helfen, zukünftige Probleme zu lösen, meint der Jurist und Ökonom Hermann Heußner

Marburg. Hermann Heußner ist der Mann der Stunde. Er bürstet die sogenannte Flüchtlingskrise gegen den Strich. Für ihn sind die Flüchtlinge ein Segen. Sogar ein vierfacher. Der Jurist von der Hochschule Osnabrück hat nämlich durchgerechnet, dass die große Zahl an Flüchtlingen, die in diesen Monaten nach Deutschland kommen, gleich vier gravierende Probleme der Deutschen lösen könnte: den demografischen Wandel, den Pflegenotstand, den Fachkräftemangel und das Elend verödender ländlicher Räume. So streitbar Heußner seine Thesen vertritt, so nüchtern hat er diese durchgerechnet. Im Einzelnen mögen die Thesen angreifbar sein, im großen Ganzen schimmert bei ihm ein Masterplan durch, den man von Bundeskanzlerin Angela Merkel noch nicht vernommen hat, und die deswegen jetzt auch ins Lavieren kommt.

Heußner ist als Professor für öffentliches Recht und Recht der sozialen Arbeit vom Fach. Er verbindet Theorie und Praxis. Nicht nur hat er es gewagt, den Rechenschieber dort anzusetzen, wo Hilfe im Flüchtlingselend, Schutz von Asylsuchenden rechtlich und menschlich geboten sind. Er hat auch selbst Flüchtlinge bei sich zuhause aufgenommen, da einer seiner Söhne nach Abschluss der Ausbildung die elterliche Wohnung verlassen hat.

Der Jurist Hermann Heußner (Bild: privat)
(Bild: Der Jurist Hermann Heußner von der Hochschule Osnabrück).

Der demografische Wandel bedeutet, dass die Zahl der älteren Menschen zunimmt, die der jungen wegen des Geburtenrückgangs abnimmt. Da Sozialversicherungen wie die Rente als Generationenvertrag einem Umlageverfahren entsprechen – die aktuell Jungen zahlen die Renten der Alten –, ist es daher kaum möglich, das Rentenniveau von derzeit 47,1 Prozent zu halten. Heute tragen rund 2,4 Arbeiter für die Rente eines Seniors bei. Bis zum Jahr 2035 müssten 1,5 Arbeiter diese Last schultern. Um die Rente zu sichern, müsste rechnerisch entweder der Beitragssatz der Arbeitnehmer von derzeit 18,7 Prozent auf 30 Prozent in die Rentenversicherung steigen, oder das Rentenniveau müsste auf 30 Prozent (bezogen auf das letzte Einkommen) fallen. Beides ist ein Sprengsatz, „eine soziale Katastrophe“, sagt Heußner. Bei einer Einwanderung von 400.000 Menschen pro Jahr über die nächsten 20 Jahre könnte die Rente indes schätzungsweise auf einem Niveau von 40 Prozent und einem Beitragssatz der Einzahler von 20 Prozent gesichert werden, bilanziert Heußner: „Wir brauchen die Zuwanderung.“

Mit der älter werdenden Gesellschaft „wird auch die Pflegebedürftigkeit massiv ansteigen und damit der Bedarf an Pflegekräften“, sagt Heußner weiter. Es sei also Aufgabe der Politik, die Zugewanderten durch Anreize an diese Berufsfelder heran zu führen. Auch das hat der Jurist durchgerechnet. Um einen der deutschen Kultur und Sprache unkundigen Zugewanderten für den Arbeitsmarkt fit zu machen, bedarf es nach Ansicht von Heußner etwa ein Jahr Deutschkurs, drei Jahre Schulausbildung und weitere drei Jahre Berufsausbildung. Kosten: 65.000 Euro. Das scheint viel, ist aber günstiger als ein einheimisches Kind von der Geburt bis zum Beruf, was Eltern und Staat insgesamt 250.000 Euro kostet. Da die eigenen Kinder nicht da sind, sind die Zugewanderten in dieser Hinsicht ein Schnäppchen. Diese riesige Bildungsaufgabe müsse dem Staat und damit den Bürgern jährlich 26 Milliarden Euro wert sein. Dann ließen sich die Lücken füllen. Rund 130 Lehrberufe zählen schon heute zu den sogenannten Mangelberufen mit unbesetzten Lehrstellen. Für das Jahr 2030 fehlen allein in Nordrhein-Westfalen laut Heußner rund 898.000 Fachkräfte.

Bildungs- und Integrationsprogramm dürften aber nicht zu einer Neiddebatte oder neuen Verteilungskämpfen im unteren Lohnsektor führen. Es müsse vermieden werden, dass die Flüchtlinge hierzulande als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt, auf dem Wohnungsmarkt oder in den Sozialsystemen gelten, sagt Heußner, der mit seinem Thesenentwurf einen fulminanten Schlusspunkt bei der Ringvorlesung „Konflikte in Gegenwart und Zukunft“ an der Universität Marburg setzte. Heußner setzt neben die Rechte der Schutzsuchenden denn auch Pflichten, etwa zur Bildung – zum Beispiel durch eine erweiterte Schulpflicht – oder zum Wohnort.

Nun ist zwar bekannt, dass die Flüchtlinge vorwiegend in Städte strömen. Dort gibt es eine intakte Infrastruktur, dort finden sie Landsleute und Verwandte. Doch „außerhalb des Speckgürtels der Großstädte kommt man schnell in menschenleere Landschaften“, berichtet Heußner. Viele Wohnungen und Häuser stehen leer. Arbeitsplätze und Lehrstellen bleiben unbesetzt. Heußner kommt gern auf den Fall von Goslar zu sprechen: In den vergangenen zehn Jahren verlor die Stadt zehn Prozent der Einwohner, bis 2035 vermutlich nochmal 14 Prozent – wenn die Politik nicht gegensteuert. Der CDU-Bürgermeister versucht nun händeringend, Flüchtlinge für seine 50.0000-Einwohner-Stadt zu werben. Es gibt Wohnraum, Arbeitsplätze, Unterstützung. Letztendlich bedarf es einer gemeinsamen Integrationsanstrengung.

Das betont auch Jurist Heußner: „Die Menschen sind jetzt da.“ Es liegt an den Einheimischen und den Zugewanderten, dass die Integration gelingt. Die Lösung der vier Probleme fallen dann wie reife Früchte in die Hand. Die osteuropäischen Länder, die jetzt keine Flüchtlinge aufnehmen, werden uns dann um die Tatkraft beneiden, meint der Jurist.

Studierende der Konfliktforschung proben und erleben im Rollenspiel, wie sich Konflikte aus unterschiedlicher Sicht anfühlen – Workshop mit Simon Mason von der ETH Zürich.

Marburg. Den Menschen gehen die Konflikte nicht aus. Das fängt in der Familie oder WG an und geht bis auf die internationale politische Bühne. Mehr noch: Viele Konflikte werden immer wieder aufs Neue durchfochten oder hören gar nicht mehr auf – siehe der Nahe Osten. Der Konfliktforscher Simon Mason von der Eidgenössisch Technischen Hochschule (ETH) Zürich sieht die internationalen Konflikte in den letzten Jahren gar wieder ansteigen. Rund vierzig Prozent der kriegerischen Auseinandersetzungen lassen sich durch Verhandlungen vermeiden, stellt der Forscher fest. Viele Verhandlungen gehen allerdings schief oder dauerten sehr lange. Es sei daher wichtig, neue Methoden der Verhandlung und Mediation zu entwickeln und zu verbessern.

Simon Mason, Jule Bellingröhr, Johannes M. Becker (v.l.n.r., Bild: m_)
(Bild: Simon Mason, Jule Bellingröhr, Johannes Becker)

Häufig greifen die Verhandlungsführer dabei auf Planspiele oder Rollenspiele zurück: Die Akteure in Konflikten, auch Diplomaten oder Beobachter (wie Journalisten) wechseln dabei die Rollen und tragen den simulierten Konflikt aus anderer Sicht aus. Für die besonders kniffligen und harten Fälle hat die amerikanische Forscherin Natasha Gill unter dem Namen „Integrierte Simulation“ (englisch: Integrated Simulation) eine viel versprechende, aber anspruchsvolle Methode entwickelt. Dafür erhielt die Forscherin unlängst den Marburger Peter Becker-Preis für Friedens- und Konfliktforschung. Ihr Kollege Simon Mason, bei dem Gill an der ETH die Methode weiter ausgearbeitet hat, stellte das Planspiel mit Studierenden des Zentrums für Konfliktforschung der Phillips-Universität Marburg in einem Workshop auf die Probe.

Der Anspruch des Planspiels von Natasha Gill ist groß: Die Rollenspieler sollen für mindestens zwei Tage, bisweilen aber auch bis zu drei Monate, in die andere Rolle schlüpfen, erklärt die Forscherin. Das soll es den Teilnehmern ermöglichen, nicht nur die Perspektive zu wechseln und den Konflikt rational aus anderer Sichtweise zu betrachten, sondern auch die emotionale Seite wahrzunehmen. Andere – kürzere – Planspiele hätten nach Gill nämlich das Manko, dass die emotionale Ebene zu kurz kommt. Die Forscherin hat ihre Methode über die vergangenen zwanzig Jahre entwickelt und immer wieder erprobt, etwa im Konflikt Palästinenser/Israelis, in Ruanda und Kenia.

Als Mediatorin hat Gill in Kenia 500 Menschen zweier konkurrierender Clans für zwei Tage ins Gespräch gebracht. „Auf der Mikroebene von Vierer- oder Fünfergruppen haben die Leute dann erlebt, was sie blockiert“, sagt Mason. Anspruchsvoll ist hier auch die Vorbereitung: Das Team der Vermittler (Mediatoren), dem auch Vertreter der Konfliktparteien angehören können, bereitet das Planspiel akribisch vor, analysiert die Konfliktlinien und gibt den Rollenspielern zur Vorbereitung dicke Dossiers zum Einlesen in die neue Rolle. Das können schon mal 80 bis 100 Seiten Lesestoff bedeuten. „Ein gutes Design eines Planspiels kann Monate bis zwei Jahre dauern“, erklärt Jule Bellingröhr. Die Sozialwissenschaftlerin leitet als Lehrbeauftragte am Marburger Zentrum für Konfliktforschung die Planspiele.

Die Marburger Studierenden hatten im Workshop zwei Aufgaben, erstens an einem Planspiel zu Frauenrechten im Arabischen Raum teilnehmen, und zweitens ein eigenes Rollenspiel zu einem Konflikt ihrer Wahl entwickeln. Einen halben Tag Planspiel war am Anspruch von Gill gemessen kurz, doch die Studierenden sollten auch nur einen Eindruck von der Methode bekommen und diese auch kritisch hinterfragen. Die 23 Teilnehmerinnen und Teilnehmer schlüpften in die Rollen von Regierungsvertretern, Oppositionspartei, Muslimbrüder und Frauenrechtsorganisationen. Das Ziel ist ein besseres Verständnis der Konfliktdynamik, sagt Workshopleiter Mason. Durch ein Rollenspiel könnten sich die Konfliktparteien beispielsweise auf die eigentlichen Verhandlungen vorbereiten.

Natürlich bildet auch ein Planspiel die Realität nicht korrekt ab, sagt Bellingröhr. Es liegt am Geschick, an der Erfahrung und Vorbereitung durch die Mediatoren, dass ein Rollenspiel gelingt und sich nicht an Stereotypen und Vorurteilen entlang hangelt. „Wichtig für die Studierenden war auch das persönliche Erleben“, sagt Bellingröhr. Wie wurde der Verhandlungsprozess unabhängig vom Ergebnis erlebt? Wie gingen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Frust um? Wie spielt die Persönlichkeit hinein? „In realen Verhandlungen kommt es auch auf die Persönlichkeit der Teilnehmer an“, sagt die Sozialwissenschaftlerin.

Spannend, und aus dem Leben gegriffen, waren auch die Rollenspiele, die die Studierenden selbst entwickelten. Eine Gruppe zerbrach sich den Kopf, wie die Verhandlungen in einer Wohngemeinschaft für einen Putzplan geführt werden könnten. „Rein präventiv, und um Konflikte zu vermeiden“, schmunzelt Bellingröhr. Eine weitere Gruppe überlegte, wie eine Diskussion zwischen Kommunalpolitikern und Bürgern vorbereitet werden könnte, in deren Kommune ein Flüchtlingsheim eingerichtet werden soll. Da wurden auch schnell die Grenzen von ausgedehnten Planspielen deutlich. Zwei Tage nähmen sich Kommunalpolitiker wohl kaum Zeit, um in die Rolle verängstigter Bürger zu schlüpfen. „Mehr als zwei Stunden bekommt man einen Kommunalpolitiker nicht an den Tisch. Das ist alles eine schöne Idee. Doch wer hat so viel Zeit und Geld, das alles vorzubereiten“, kritisiert eine Studentin.

Die eigentliche Lehre ist wohl, dass Planspiele auf die Konflikte angepasst werden müssen. Bellingröhr sieht jedenfalls Planspiele als Chance, die anderen Sichtweisen in Konflikten erlebbar zu machen. „Mit dem Perspektivenwechsel lassen sich durch Empathie die Standpunkte der Anderen verstehen“, sagt die Sozialwissenschaftlerin.

Im Juli können Studierende das mit Bellingröhr wieder ausprobieren. Dann veranstaltet sie ein weiteres Mal ein Rollenspiel zu einem diesmal rein fiktiven Land. Dessen Präsident wähnt die Gesellschaft hinter sich. Doch die Lage eskaliert. Das Militär putscht. Jule Bellingröhr ist dann die Spielleiterin. Die Spieldynamik liegt aber komplett in den Händen der Teilnehmer.


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