Antonin Brousek überzeugt mit einer Neuübersetzung des braven Soldaten Schwejk

Marburg. Große Weltliteratur zeichne sich dadurch aus, dass die Hauptfiguren auch ein Leben neben den Büchern führen. So kennt einjeder den Don Quichotte oder Odysseus -- auch ohne das Werk gelesen zu haben. Für den braven Soldaten Schwejk gilt das nämliche, meint Antonin Brousek bei einer Buchvorstellung und Lesung im Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg.

Brousek übersetzte das 900-Seiten-Werk kongenial aus dem Tschechischen ins Deutsche. Kongenial muss man da mit einem Augenzwinkern sagen. Schon der Autor Jaroslav Hasek (1883 bis 1923) diktierte das Stück „Die Abenteuer des guten Soldaten Schwejk im Weltkrieg“ bei seinen Wirtshausgängen einem Aufschreiber, während er unmäßig trank und ausgiebig Karten spielte.

Der mit Deutsch und Tschechisch zweisprachig aufgewachsene Brousek machte das ganz ähnlich, wenngleich ohne Wirtshaus, ohne Alkohol und ohne geselliges Kartenspiel. Um den Sprachfluss und die typisch tschechische Sprachmelodie zu erhalten, sprach er die Übersetzung ins Diktiergerät. Und editierte später.

Brousek, der im Brotberuf eigentlich Richter ist, hält sich genau an das Original. So benennt der trunkene Schriftsteller den in Sarajevo ermordeten Franz Ferdinand fälschlich als Onkel des Kaisers. In seiner Übersetzung belässt Brousek dies, erklärt den irritierenden Befund allerdings im Anhang.

Wieso war die neue Übersetzung nötig? Hasek schreibt im Original ein klares Umgangs-Tschechisch. Die erste Übersetzerin Grete Reiner übertrug um 1920 aber in eine heute komisch wirkende böhmisch-deutsche k.u.k-Diktion. Brousek hat das entschlackt und auf ein gut lesbares, sattes Normaldeutsch zurück geführt.

Der „Schwejk“ handelt von der Erlebnissen eines Prager Hundehändlers im Ersten Weltkrieg. Schwejk brilliert durch seine naiven, dann auch klug-gewitzten Einsichten, Ideen und Aktionen. Oft muss der Leser oder Hörer schmunzeln oder lachen -- weswegen Jürgen Warmbrunn vom Herder-Institut das Stück in die Literaturgattung des Schelmenromans einordnet.

Oft werde der Roman als Darstellung vom Irrsinn des Krieges gelesen. Das ist aber nur eine Hintergrundfolie, meint der Übersetzer. Vielmehr ging es Hasek darum, die Dummheit der Menschen in allen möglichen Dingen vorzuführen. Und der Krieg und der Eigensinn alles Militärischen eigne sich dafür besonders.

Marburg. Die Lage des Herder-Instituts ist exzellent: Vom Marburger Schlossberg reicht der Blick entlang des Lahntals, an Gießen vorbei bis in die Anhöhen des Taunus. Und exzellent ist auch seine Forschung. Vom Wissenschaftsrat gelobt und europaweit bekannt, widmet sich das Forschungsinstitut der Geschichte Ostmitteleuropas – etwa vom Jahr 1000 bis heute. Die Archive bergen viele Originalquellen, Zeitungen, Zeitschriften, Bildaufnahmen, Landkarten. Bisweilen sind es die letzten Fotoaufnahmen, bevor eine ganze Stadt durch Kriegsgewalt verschwand. Und da diese Kriege mit den Weltkriegen I und II von Deutschland ausgingen, stand die Forschung am Herder-Institut auch immer im Zeichen der Völkerverständigung.

„Dieses Verständnis um die Geschichte und Kulturen der Menschen wird durch die Umbrüche in Osteuropa, von 1989 bis heute, umso wichtiger“, unterstreicht Institutsdirektor Peter Haslinger den praktischen Anwendungscharakter der Arbeit seiner rund 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Durch einen rund 5,2 Millionen Euro teuren Erweiterungsbau, der diesen Dienstag offiziell bezogen wurde, wollen Haslinger und sein Team mit den stürmischen Entwicklungen Schritt halten. Der 6-stöckige Anbau beherbergt im Wesentlichen Archivräume und einen Bürotrakt. Das entspannt die Situation für die Bibliothek und die Quellensammlung, die aus allen Nähten zu platzen drohte.

„Herausragend sind hier die Sammlungen“, sagt die Slavistin Monika Wingender, Direktorin am Gießener Zentrum Östliches Europa. „Das gibt es nicht an der Universität.“ Die Forscher beider Unis in Marburg und Gießen vernetzen sich zunehmend stärker mit dem Herder-Institut, einer unabhängigen Einrichtung, das zum Institutsverbund der Leibnizgemeinschaft zählt. So arbeiten der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der drei Einrichtungen in einem Sonderforschungsbereich zum Thema Sicherheit in Europa, Gewalt und Konflikte zusammen. Haslinger hat in Personalunion auch eine Professur an der Justus-Liebig-Universität (JLU) Gießen. Bald soll sich das Marburger Herder-Institut auch eine räumliche Außenstelle an der JLU einrichten. Durch diese Vernetzung soll insgesamt die Strahlkraft der Osteuropaforschung in Mittelhessen gestärkt werden.


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Last update 30.10.2018

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